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Vielvölkerstaat Kenia

Kenia ist ein klassischer Vielvölkerstaat. 42  unterschiedliche Ethnien leben hier. Wenn im Englischen in der Regel das  Wort tribe verwendet wird, so ist im Deutschen eher die Bezeichnung Volk angebracht. Nichtschwarze Minderheiten, d.h. die aus  Asien und Europa stammenden Kenianer, machten im Jahr 2000 weniger als 1% der über 29 Mio. Einwohner aus.

Die Mehrheit der Völker gehört zur Sprachgruppe der auch in Zentral- und Südafrika beheimateten Bantu. Aus dem Norden stammen die nilotisch sprachigen Hirtenvölker. Eine Minderheit gehört der in Äthiopien und  Somalia beheimateten Sprachgruppe der Kuschiten an. Rassische und sprachliche Merkmale stimmen nicht in allen Fällen überein, so haben Völker die Sprache ihrer Nachbarn angenommen. Zudem kam es im Laufe der Geschichte immer wieder zu gegenseitiger Vermischung. Eine Klassifizierung der Völker nach sprachlichen Kriterien bietet sich daher an.

65% der Einwohner Kenias sind bantusprachig. Sie untergliedern sich in zentralkenianische, westkenianische und Küsten- Bantu. Zur  ersteren Gruppe gehören die Kikuyu , die vor etwa 400 Jahre in ihr heutiges Siedlungsgebiet, das Nyeri-, Murang’a und Kiambu- Plateau, kamen. Bereits vor der Kolonialzeit belieferten sie durchziehende Karawanen mit Lebensmittel..  Als sesshafte Bauern pflanzten sie Bananen, Süßkartoffeln, Kassava, Jams, Zuckerrohr, Gemüse, Hirse und Mais an und züchteten Rinder, Schafe und Ziegen. Überdies kannten sie die Eisenverarbeitung. Viele Kikuyu fanden während  der Kolonialzeit Stellungen im Verwaltungs- und Kirchendienst sowie in der Privatwirtschaft. Aufgrund ihres relativ hohen Bildungsniveaus war es nicht überraschend, dass sich zahlreiche Kikuyu in der nationalen Bewegung engagierten, so Jomo Kenyatta und James Gichuru, der in den 60er Jahren als Finanzministeramtierte. Im Laufe des 20. Jahrhunderts  haben sie sich in fast allen Teilen Kenias ausgebreitet. Rund  ein Drittel lebt heute außerhalb ihrer Heimat.

Kikuyu-Frauen werden häufig von Männern anderer Völker geheiratet, da sie nicht nur als hübsch, sondern  auch als geschäftstüchtig gelten. Eng mit den Kikuyu verwandt sind die am Fuß des Mount Kenya lebenden Embu und Meru, die stärker an den hergebrachten Traditionen festhalten. Weitere zentralkenianische  Bantu sind die Mbeeri, Tharaka und Kamba.  Letztere waren ursprünglich Jäger und sind im Lauf der Zeit zu Hackbauern mit ergänzender Viehhaltung( Rinder, Schafe und Ziegen) geworden. Sie leben in den niederschlagsarmen Gebiet zwischen Nairobi und Mombasa. Nach und nach haben sie zahlreiche handwerkliche Berufe entwickelt (Töpfer, Korbmacher, Holzschnitzer, Schmiede). Die Kamba gelten als kriegerisch, weswegen viele von ihnen bereits in der Kolonialzeit als askari ( Soldat ) dienten. Bei ihnen wird die   Ansicht vertreten, dass eine ideale Armee aus deutschen Offizieren, englischen Unteroffizieren und Kamba-Soldaten bestehen sollte. Auch heute sind sie in Militär und Polizei stark vertreten.  Als Händler sind sie in andere Teile Kenias gezogen.

 

 

 

 

 

Die Völker der nilotischen Sprachgruppe umfassen etwa 30% der kenianischen Bevölkerung. Sie untergliedern sich in eine west-, süd- und ostnilotische Untergruppe. Zu den Westniloten zählen die am Viktoriasee beheimateten Luo. Ihr Name bedeutet „Menschen  aus den Sümpfen“ und weist auf ihren früheren Aufenthaltsort am Oberen Nil hin. Einst waren sie stolze Viehzüchter, doch nach dem Verlust ihrer Herden  wandten sie sich dem Ackerbau und Fischfang zu. Untypisch für  Niloten ist, dass sie am Wasser leben. Die Luo sind große und sehr dunkelhäutige  Menschen. Als einziges kenianisches Volk kennen sie weder Knaben- noch Mädchenbeschneidung. Von den englischen Kolonialherren wurden sie für  friedlich, fleißig und wissbegierig gehalten und bevorzugt als Arbeiter angestellt. Sie haben sich daher  besonders weit von ihrem angestammten Siedlungsgebiet ausgebreitet. Auch in Mombasa und Malindi  sind sie heute zu finden, wo sie im Tourismusgewerbe tätig sind. Dennoch stehen die Luo im Ruf sehr traditionsbewusst zu sein. Die Verbindung mit der dörflichen Heimat wird auch über Hunderte von Kilometern aufrechterhalten. Dem Einfluss der christlichen Mission waren sie im geringerem Maß als die Kikuyu ausgesetzt.  Ebenso wie diese engagierten sich auch die Luo schon früh gewerkschaftlich und politisch. Oginga Odinga und Tom M’boya  zählten zu den Vätern des schwarzen Nationalismus

Zur südnilotischen Sprachgruppe gehören die sesshaften bzw.  halbnomadischen Kipsigis,  Nandi, Tugen, Marakwet, Keiyo, Pokot, Terik  und Sabaot, die auch unter der Bezeichnung Kalenjin zusammengefasst werden. Mitunter kommt es unter ihnen noch heute zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Sie leben im nördlichen Rift Valley zwischen den Orten Kericho und Kapenguria, ein Teil betreibt neben der Viehzucht auch Ackerbau. Verbreitet ist das Ausbrechen der unteren Schneidezähne. Kipsigis und Nandi bildeten zusammen mit Kamba das Rückgrat der britischen Kolonialtruppen und kämpften in den 50er Jahren gegen die Kikuyu-Rebellen. Auch heute dienen viele Angehörige dieser beiden Völker im Militär.   Die Pokot tragen, wie auch einige verwandten Gruppen, einen Lehmverstärkten Kopfputz. Der ehemalige Staatspräsident Daniel arap Moi ist ein Tugen. In seiner Amtszeit erfuhren die Kalenjin-Völker einen erstaunlichen Bedeutungszuwachs.

Unter die ostnilotische Untergruppe fallen die Turkana im Nordwesten, die Samburu  und Njemps in Zentralkenia sowie die Maasai im Grenzgebiet zu Tansania. Die Turkana gehören zu den Karamojong-Völkern, die überwiegend in Uganda und Sudan beheimatet sind. Unter extrem ungünstigen Bedingungen leben sie beiderseits der kenianisch- sudanesischen Grenze. Die Nomaden züchten Rinder, Kamele, Ziegen und Schafe, ihre Krieger sind mit Speeren und Messerringen bewaffnet. Die maa-sprachigen Völker Maasai, Samburu und Njemps sind erst um 1600 n. Chr. vom Sudan ins heutige Kenia eingewandert. Nur die Maasai sind Nomaden geblieben. Die Samburu und Njemps gehen auf die Ackerbau treibenden Iloikop zurück, die von den Hirten-Maasai um 1875 in einem großen Krieg vernichtend geschlagen wurden. 

Noch heute sind die Heldentaten jener Jahre bei den Maasai lebendig. Das Weidegebiet der Maasai reichte einst vom Baringosee im Norden bis zu den Savannen Tansanias, wurde aber durch nachrückende Kisii, Kipsigis, Kikuyu und Europäer stark verkleinert. Heute leben zwei  Drittel der Maasai vornehmlich südlich und westlich von Nairobi, ein Drittel jenseits der Grenze in Tansania. Äußerlich sind sie an den ausgestochenen Ohrläppchen zu erkennen. Obwohl in Kenia zahlenmäßig nur gering vertreten ( etwa 500 000), sind sie weltweit bekannt, da sie in der Nachbarschaft bekannter Wildschutzgebiete leben. Die Njemps haben südlich und südöstlich des Baringosees ihre Heimat und betreiben Landwirtschaft und Fischerei, Äußerlich den  Maasai sehr ähnlich sind die Samburu (benannt nach dem Wort ilsampur für Schmetterlinge), die auf dem Lorogi- Plateau und nördlich des Baringosees siedeln. Flüche und Tabus haben bei ihnen eine große Bedeutung.

 
 

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