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Kulturelle Gemeinsamkeiten

Für einen Europäer ist der Zugang zur afrikanischen Kultur schwierig. Er erfolgt über die Ästhetik, während Kultur für den Afrikaner in erster Linie sinn- und gemeinschaftsstiftend ist. Folgendes Beispiel verdeutlicht die unterschiedlichste Sichtweise: Eine unverheiratete Touristin trägt einen Gürtel aus Kaurimuscheln, weil sie ihn schön findet. Für einen Maasai ist dies unverständlich: Kaurimuscheln ähneln dem weiblichen Geschlechtsorgan und symbolisieren die Fruchtbarkeit. Ein solcher Gürtel wird von verheirateten Frauen getragen, um eine  hohe Kinderzahl zu bewirken. Die Begegnung zwischen Europa und Afrika ist eine Geschichte   mit Missverständnisse. 

 

 

Eine Halskette aus Kauri-Muscheln

Trotz mannigfaltiger Unterschiede verfügen die afrikanischen Völker über gewisse kulturelle Gemeinsamkeiten. Diese  können als Brücke für eine Annäherung dienen. Das Verstehen des anderen ist unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Während der Europäer von Individualismus geprägt und zu Kritikfähigkeit erzogen ist, wird der Afrikaner von der Gemeinschaft bestimmt und auf Harmonie ausgerichtet. Das Kollektiv bietet  ihm Schutz und Sicherheit und sorgt für Kontinuität. Angesichts der dauernden Bedrohung durch Seuchen, Naturkatastrophen und Kriege war diese Orientierung vorteilhaft. In der Gemeinschaft ist es der Afrikaner gewohnt, sich Autoritäten unterzuordnen und vielfältige Pflichten zu übernehmen, während Rechte erst an zweiter Stelle stehen. Auch heute erzieht das staatliche Bildungswesen Kenias nicht zur Kritikfähigkeit. Immer wieder kommt es vor, dass Direktoren Schüler vor sich niederknien lassen. Ähnlich verhalten sich Distriktkommissare, und die Betroffenen kommen der Aufforderung meist klaglos nach. Angesichts von Verarmung, Massenarbeitslosigkeit und HIV/AIDS kann Solidarität eine  wertvolle Stütze bilden. Im Zeitalter der Globalisierung mag dies Haltung allerdings ein  Hindernis bei der Entwicklung marktwirtschaftlicher und demokratischer Strukturen darstellen, die ja auf individueller Entscheidung und Konkurrenz basieren. „ Wettbewerb“ und „ Opposition“ fehlen in traditionellen Gesellschaften – nicht einmal als Worte sind sie in der afrikanischen Sprache vorhanden.

Der Afrikaner gehört nicht nur einer, sondern mehreren Gemeinschaften an. Er ist Mitglied einer Altersgruppe, einer Familie, eines Klans (d.h. einer erweiterten Familie), eines Stammes und eines Volkes, und es erwarten ihn jeweils bestimmte soziale Rollen mit bestimmten Anforderungen. Im Unterschied zur europäischen „ Gesellschaft“ wird die afrikanische Gemeinschaft nicht  Organisiert. Der Mensch wird in sie hineingeboren und hat auch keine wirkliche Aufstiegsmöglichkeit. Wer sie verlässt bricht alle Brücken hinter sich ab. Viele Entscheidungen, die ein Europäer individuell trifft, muss ein Afrikaner mit seinem Umfeldabstimmen. So ist die Heirat eine Angelegenheit der Familie und des Klans. Früher wurden sogar die Partner von der Familie bestimmt. Heute finden die Partner in der Regel selbst zueinander, doch das weitere Verfahren läuft nach traditionellem Muster ab. Ältestenkomitees besuchen sich gegenseitig zu Hochzeitsbesprechungen, die sich nach festen Ritualen abspielen. Alle strittigen Fragen werden dabei geklärt. So wird der Brautpreis ausgehandelt, der die Familie der Braut für den materiellen Verlust der Tochter entschädigt. Im Falle einer schuldlosen Scheidung dient ihr der Brautpreis als materielle Absicherung. Bei der Hochzeit kommen häufig Hunderte Menschen zusammen. Nicht nur zwischen zwei Individuen, sonder, auch zwischen zwei Familien bzw. Klans wird ein fester Bund mit genau geregelten Rechten und Pflichten geschlossen. Mitunter gibt es heute zwei Hochzeiten: eine traditionelle für die ländlichen Verwandten und eine moderne für die städtische Freunde.

Auch Beerdigungen sind eine Angelegenheit der Gemeinschaft. Insbesondere bei den Luo besitzen sie einen herausragenden Stellenwert. Mehrere tausend Menschen kommen auf dem Grundstück des Verstorbenen zusammen und müssen von dessen Klan freigehalten werden. Verwandtschaftliche Bande sind die Klammern des Lebens. In vertikaler Hinsicht steht der Mensch in der Mitte zwischen Ahnen und Nachkommen. Er hat die Pflicht, diese Kette fortzusetzen. Der Wunsch der Verstorbenen ist eine wichtige Größe im Leben ihrer Nachkommen.. In horizontaler Hinsicht ist der Mensch Mitglied einer Familie, eines Klans, eines Stammes und eines Volkes. Diese Netzwerk bietet ihm Schutz und Sicherheit. Afrikaner verfügen über unzählige „Onkels“, “Tanten“; „Cousins“ und „ Cousinen“. Auch wenn die Verwandtschaft nach europäischen Verständnis sehr weitläufig ist, handelt es sich für sie um Beziehungen von zentraler  Bedeutung. Hiermit verfügen sie über eine parallele Infrastruktur. Sie ist effizienter als die staatliche und macht nicht den Grenzen halt. In kürzester Frist werden Informationen über Hunderte von Kilometern übermittelt.

Nach dem Motto „ Ich lebe durch Euch, und Ihr lebt durch mich“ fühlt sich der Einzelne für die Gemeinschaft sowie die Gemeinschaft für den Einzelnen verantwortlich. Es ist selbstverständlich, dass die Familien bzw. der Klan den Schulbesuch oder die Auslandreise eines Mitglieds  finanziert. Ebenso wird bei Krankheit oder Unfall spontan Hilfe gewährt. Wenn größere Beträge benötigt werden, wird solange gesammelt, bis die erforderliche Summe zusammenkommt. Umgekehrt wird von einem Mitglied  in einer gehobenen Position erwartet, dass er seiner Gemeinschaft Wohltaten zukommen lässt – zunächst seiner Familie, dann seinem Klan, schließlich seinem Stamm und Volk. Vieles, was der Europäer als korrupt empfindet, ist für den Afrikaner ein selbstverständlicher Akt der Dankbarkeit. Allerdings weiß er sehr wohl zwischen Altruistischer Fürsorge und einseitiger Bereicherung zu unterscheiden. Aufgrund seiner vielfältigen Verpflichtungen ist es für ihn weitaus schwieriger als für einen Europäer oder Asiaten, unternehmerisch zu handeln und Gewinne zu reinvestieren. Zu großer geschäftlicher Erfolg ruft Neid hervor und wird daher häufig verborgen gehalten. Der Afrikaner ist bemüht, seiner Gruppe eine privilegierte Rolle zu verschaffen. Dies führt zu Rivalität zwischen Klans, Stämmen und Völkern. Ethnizität ist das größte sozio- kulturelle Problem Kenias. Politische Führer und Parteien verfügen über eine ethnisch verankerte Gefolgschaft. Erwartet wird im Falle des Machtgewinns die Bevorzugung der eigenen Gruppe.

Die Zugehörigkeit zum Christentum führt nicht unbedingt zur Minderung des Gruppendenkens. Im Gegenteil: Sie verstärkt noch die Fragmentierung. Denn zusätzlich zu Familien, Klans, Stämmen und Völkern wetteifern nun auch Kirchen und Sekten um Begünstigung

 

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