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Kulturelle Gemeinsamkeiten    

Mit Ausnahme der städtischen Swahili – Kultur an Küste hat die afrikanische Kultur dörflichen Charakter. Zwar gibt es eine strickte  der Rollentrennung ( beispielsweise zwischen Mann und Frau ), doch existieren zwischen den Bewohnern kaum materielle bzw. berufliche Unterschiede. Jeder macht mit, und jeder lernt vom anderen. Auch in der Stadt bleibt das Dorf die eigentliche Heimat. So oft als möglich besucht der Afrikaner seine Familie und seinen Klan auf dem Lande.   

 

Sinnstiftende Rituale verfestigen die Gemeinschaft.

Sie werden anlässlich von bestimmten Lebensereignissen wie Geburt, Initiation Hochzeit oder Tod abgehalten, aber auch anlässlich von Zusammenkünften wie Märkten, politischen Versammlungen und sportlichen Wettkämpfen. Die aktive Teilnahme daran festigt das Band zwischen dem Einzelnen und seiner Gemeinschaft. So kommt es auch in den Städten häufig vor, dass Arbeiter und Hausangestellte tagelang unentschuldigt wegbleiben um beispielsweise eine Hochzeit oder eine Beerdigung in ihrem Dorf zu besuchen. Denn Gemeinschaftspflichten stehen höher als individuelle Aufgaben. Die Regierung versucht, traditionelle sinnstiftende Rituale auf die staatliche Ebene zu übertragen. In der traditionellen Kultur kommt alten Menschen eine zentrale Stellung zu. Die Seniorenbilden einen Rat, der gemeinsam Entscheidungen fällt. Ein fähiges Stammesmitglied wird zum Häuptling bestimmt, um Führungsaufgaben zu übernehmen, muss ich jedoch dabei mit den Ältesten beraten.

Menschen stehen in Afrika im Vordergrund: Ahnen und Nachkommen, Altersgenossen, Verwandte, Führer. Dadurch ist auch die moderne Politik personenbezogen – im Gegensatz zur europäischen Demokratie, die von einem hohen Maß an Abstraktion und Objektivierung lebt. Der Staatschef kontrolliert die Verteilung der Ressourcen. Afrikanische Führer wie Kenyatta und Moi sind gewissermaßen die Ältesten des Staates, und so präsentieren sie sich auch ihren Wählern. So gesehen ist auch verständlich, warum sie nicht freiwillig abtreten wollen. Älteste verlieren ihr Amt in der Regel mit dem Tod.

Zwischen Alltag und Religion wird in der afrikanischen Kultur nicht unterschieden.

Religiöse Bräuche haben zugleich eine soziale Funktion. Auch bei afrikanischen Christen und Muslimen, die häufig an magische Kräfte glauben und die Angst vor Geistern teilen, lebt ein Stück des alten Glaubens fort. Da es sich bei der Religion eher um eine Lebensform als um eine Herzen – und Glaubensangelegenheit handelt, fällt der Wechsel vom einen zum anderen Bekenntnis relativ leicht. Religiöse Intoleranz ist daher in Kenia nur selten zu beobachten. Während für den Europäer die Rationalität im Vordergrund steht, ist der Afrikaner in stärkerem Maß von Gefühlen geleitet. Bezeichnenderweise sagt er im englischen häufig I feel that,... wenn der Europäer  I think  hat… oder I notice that… verwendet. Letzterer neigt zu langfristigen Entscheidungen, während ersterer Situations- bedingt handelt. Hierfür ist auch ein unterschiedliches Zeitgefühl verantwortlich. In Europa wird Zeit als lineare Abfolge von Ereignissen betrachten, und man setzt sich Ziele in der Zukunft, der Afrikaner empfindet Zeit als zyklische Wiederkehr von Ereignissen. Die schlägt sich auch sprachlich nieder, so ist z. B. von „ vielen Monden“ oder „vielen Regenfällen“ die Rede. Es wird stärker in der Gegenwart  gelebt und weniger zukunftsorientiert gedacht. Viele afrikanische Sprachen haben keine  Zukunftsform bzw. lediglich eine indirekte Angabe der Zukunft. Sekundärtugenden wie Pünktlichkeit und Entschlussfreudigkeit stehen nicht im Vordergrund. Genau so wichtig ist die  Beachtung sozialer Pflichten wie z. B. eine ausführliche Begrüßung des Gegenübers oder die Versorgung von Familienangehörigen.

Prinzipiell unterscheidet sich die Wertehierarchie. Der Afrikaner strebt danach, das  Richtige, das  von ihm erwartete zu tun. So entschließt sich ein Mann, eine Frau zu heiraten und Kinder zu  zeugen, weil er ein bestimmtes Lebensalter erreicht hat. Sein Verhalten ist auf Konformität ausgerichtet. Er strebt nicht danach,  sich selbst zu verwirklichen bzw. die anderen zu übertreffen.  Auch Effizienz ist nicht oberstes Gebot.  

 Da das Leben wie auch der Tod als Bestandteile einer Kette empfunden werden, wird auch dieser als natürliches   Ereignis akzeptiert. Begräbnisse stellen den symbolischen  Übergang in die Welt der Ahnen dar und werden entsprechend intensiv begleitet.     

Das moderne Kenia ist vom Zusammenstoß zwischen der traditionellen Lebensweise und fremden Einflüssen geprägt.

Viele Kenianer leben in zwei Welten. So haben z. B. manche Männer zwei Ehefrauen – eine city wife und eine country wife. Eine erste Erschütterung bewirkte bereits im 19. Jahrhundert das Eindringen von Islam und Christentum. In den letzten Jahrzehnten  haben westliche Massenkultur, Marktwirtschaft und Demokratie Einzug gehalten. Mitunter hat dies zu Brüchen geführt ,mitunter aber auch zu organischen Weiterentwicklung. Die Übertragung  der traditionellen Solidarität innerhalb einer engen Gemeinschaft auf die Nation hat Präsident Kenyatta mit dem harambee  ( gemeinschaftliche Sammelaktion) im Auge gehabt. Dem benachbarten Tansania ist diese Transformation jedoch besser gelungen. In Kenia sind Unterschiede immer noch prägender als die Gemeinsamkeiten. Viele wertvolle Bräuche sind zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Ein Forschungsprojekt des Nationalmuseums widmet sich der Frage, ob und wieweit traditionelle Vorgehensweisen zur  Bewältigung zeitgenössischer  Probleme beitragen können. So wurden in den letzten Jahren landesweit „Friedensmuseen“ eingerichtet, die alte Riten der  Konfliktbeilegung und Versöhnung, wie z. B. das Zerbrechen und Begraben  von Speeren, dokumentieren. Damit wird auch verdeutlicht, dass die vorkoloniale Geschichte nicht, wie lange von den Europäern behauptet, ausschließlich aus blutigen Stammeskriegen bestand.        

Problematisch ist der Trend zur Abwanderung in die Städte aufgrund von Bevölkerungsexplosion und Ressourcenverknappung. Im Dorf war jedem Mitglied der Gemeinschaft soziale Anerkennung und persönliches Wohlergehen garantiert. Die neue Umgebung mit sozialer Differenzierung, beruflicher Spezialisierung, Trennung von Arbeit, Wohnung und Freizeit lassen den Ankömmling zunächst in ein Nichts fallen. Nur teilweise gelingt es neuen Gemeinschaftsformen, wie z. B. Kirchengemeinden, Sportvereinen und Selbsthilfegruppen, einen Ersatz zu schaffen. Ansonsten sind  Einsamkeit und Sinnesverlust zu beobachten. Infolge fehlender Selbstkontrolle und Auffangmechanismen werden Arbeitslose zu Bettlern oder Kriminellen, verlassene oder geschiedene Frauen wenden sich der Prostitution zu.                

Problematisch ist, dass in Politik, Wirtschaftsverbänden und Kirchen Frauen kaum repräsentiert sind. So gelangten bei den letzten Parlamentswahlen im Dezember 1997 nur acht weibliche Abgeordnete  (3,6%) in       die Nationalversammlung. Eine wichtige Gruppe der Bevölkerung wird dadurch von Mitbestimmung weitgehend ausgeschlossen. Allerdings erkämpfen sich Frauen zunehmend höhere Positionen. Sie besuchen häufiger als früher Schulen, heiraten später und arbeiten als erfolgreiche der Händlerinnen, Unternehmerinnen, Lehrerinnen, Sekretärinnen und Krankenschwestern. Die 1952 gegründete Frauenorganisation Maendeleo ya Wanawake  unterstützt die ökonomische  Emanzipation,  führt Fortbildungsmaßnahmen durch und betreibt hygienische Aufklärung. Neun von zehn Frauen sind indes noch in der Landwirtschaft tätig. Bei ihnen sind Armut und Unterernährung ausgeprägter als bei Männern. Scheidungen haben die Emanzipation der Frau eher gefördert: Alleinerziehende Mütter sind gezwungen, für sich und ihre Kinder eine  Lebensgrundlage aufzubauen. Dies trifft auch auf Ehefrauen zu, deren Männer ganz oder zeitweise in die Städte gewandert bzw. dem Alkoholismus verfallen sind.   

      

Junge Menschen besitzen in Kenia kaum Einfluss. Nur in wenigen Berufen, z. B. dem Journalismus, haben sie schnelle Aufstiegschancen. Das Land wird von alten, grauhaarigen Männern dominiert, ohne dass den Jugendlichen, wie in der traditionellen Kultur, Aufgaben zugewiesen werden. Viele  von  ihnen suchen ihr Auskommen in der Schattenwirtschaft und Organisieren sich in Straßenbanden mit so klangvollen Namen  wieBagdad Boys, Jeshi la mzee oder Msumbiji.

Quelle: Kenia, Martin Pabst

 

 

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